Interview Liewo

«Den Betroffenen Mut und Hoffnung geben»

Liewo

Den Betroffenen Mut und Hoffnung geben

Lisel Bernegger aus Sax hat einen schwierigen Leidensweg hinter sich. Die Powerfrau wurde durch einen privaten Schicksalsschlag sechs Jahre lang ausser Gefecht gesetzt. Über den Glauben, ihre Willenskraft und das Malen kam sie wieder zurück ins Leben.

Oft wollen Menschen nicht über Zeiten reden, in denen es ihnen schlecht ging. Es gibt aber solche, die sich öffnen und ihre Geschichte erzählen, damit andere daraus Hoffnung schöpfen können. Die gebürtige Balznerin Lisel Bernegger redet offen über ihre Leidenszeit. Noch lieber spricht sie aber über ihr Hobby, das ihr aus ihrer psychischen Erkrankung heraushalf. Sie war mitten im Leben, wurde durch einen Schicksalsschlag herausgerissen und kämpfte sich wieder in die Mitte der Gesellschaft zurück. «Ich denke, ich bin ein Mensch, der sich oft für andere einsetzt und anderen hilft. In den letzten Jahren durfte ich während meiner Leidenszeit vieles davon zurückbekommen – als es mir schlecht ging, haben mich viele Menschen in meinem Lebenswillen bestärkt. Dafür bin ich unendlich dankbar», resümiert Lisel Bernegger die Ereignisse der letzten Jahre in wenigen Worten.

Die gelernte Verkäuferin arbeitete zunächst sechs Jahre im Städtli in Maienfeld. Das war für sie eine anstrengende, aber schöne Zeit, wie sie sagt. «Der Mann der Geschäftsinhaberin war gestorben und wir zwei Frauen haben es sehr gut auf die Reihe gekriegt – auch wenn wir viel Kraft gebraucht haben.» Mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern (Tochter Seraina und Sohn Marco) zog sie nach dieser Zeit von Balzers nach Sax. Ihr Mann Hansueli arbeitete damals in Frümsen in einer Schreinerei und den Saxer Bürger hat es zurück in die Heimat gezogen. Die ersten Wochen wurde Lisel Bernegger von starkem Heimweh geplagt. «Ich hatte in Balzers mit meinen Eltern und meinen sechs Geschwistern eine wunderbare Kindheit. Der Wegzug hat mich zunächst stark getroffen. Zum Glück fand ich schnell Anschluss und ich fühlte mich geborgen», erinnert sich die gebürtige Aloisia Gstöhl an eine bewegte Zeit zurück.

Mehrere Jobs zugleich

Als die Kinder älter waren, begann sie, im Schlössli Sax als Serviceaushilfe bei grösseren Anlässen im Saal zu arbeiten. Später wurde sie regelmässig im Restaurant eingesetzt. «Das war praktisch und herzlich. Die Kinder konnten nach der Schule zum Essen ins Restaurant kommen, somit konnte ich Arbeit und Familie unter einen Hut bringen.» Nebenbei war sie auch in der Industrie tätig. In der Dividella in Grabs fertigte sie mit ihrer Abteilung Handschachteln nach Mass. Sie arbeitete sich immer weiter nach oben. «Das passierte von meiner Seite nicht bewusst, sondern ich wurde immer dort eingesetzt, wo ich gebraucht wurde. Und ich liebte immer, was ich tat.» Der Höhepunkt sei gewesen, als sie ihre Chefin vertreten musste: «In dieser Zeit gingen nicht weniger als eine Million solcher Schachteln raus und ich durfte den ganzen Prozess, von der Fertigung bis zum Abtransport, organisieren», blickt Lisel Bernegger auf anstrengende, aber erfüllende Jahre.

Auch abseits ihrer beiden Arbeitsstellen suchte sie die Geselligkeit. Im Frauenturnverein Sax war sie viele Jahre im Vorstand aktiv und gründete daraus eine Theatergruppe, die heute noch aktiv ist und von den Einwohnern sehr geschätzt wird. Als das Schlössli-Wirtepaar Bruno und Sigrid Weder nach Rhäzuns aufs Schloss von Christoph Blocher wechselte, wurde sie dort ebenfalls bei Grossanlässen eingesetzt. Auch in Herrliberg, wo die Villa der Blochers steht, war sie beschäftigt. «Mir imponierten hier nicht nur die Prominenten, die ich bei der Arbeit kennenlernen durfte. Vor allem die Familie Blocher mit ihrer herzlichen Art und wie sie sich uns anvertraut haben, war beeindruckend.»

Plötzlich aus der Bahn geworfen

Und von einem Tag auf den anderen, im Jahr 2007, war plötzlich alles anders. «Ich war am Ende», gesteht

sie ihre Hilflosigkeit, die sie aus der Mitte der Gesellschaft riss. Sie wachte auf, war von Angstzuständen, Panik-

attacken und psychosomatischen Schmerzen geplagt. Die fröhliche und stets gut gelaunte Lisel war ein Schatten ihrer selbst. «Mir war ständig schlecht. Es war ein Gefühl, als ob der Körper aus dem Inneren heraus brennt – als ob ich explodieren würde.» Sie konnte viele Stunden lang weder liegen noch sitzen. «Ich musste immer umhergehen und fand keine Ruhe. Am anderen Tag konnte es genau das Gegenteil sein: Ich war blockiert und heulte lange.»

Ihr Weg führte sie in eine Psychiatrie, die zunächst alles noch schlechter machte. «Ich wurde hier sehr schlecht behandelt – das hat mein Umfeld direkt mitbekommen», erklärt die 57-Jährige. «Eine junge Pflegerin war die Einzige, die es gut gemeint hat mit mir.» Ihre Ärztin Ruth Kranz-Candrian intervenierte, worauf sie zunächst nach Hause und dann nach Chur kam. «Hier wurde mir dann endlich geholfen, doch ich hatte noch einen langen Weg vor mir.» Während der ganzen Zeit sei ihre Ärztin Tag und Nacht für sie dagewesen. «Sie hat mich als Einzige nicht aufgegeben.» Menschen treffen oder zu Hause empfangen, ins Dorf gehen – alles alltägliche Handlungen, die sie aufgrund ihres Gesundheitszustandes nicht mehr ausführen konnte.

Der Glaube an bessere Zeiten

Sechs Jahre lang litt sie massiv unter ihrer Krankheit. Ihr Zustand wurde im Lauf der Behandlung nur langsam besser. «Viele Bekannte teilten mir mit, dass sie für mich beten. Ich betete selbst auch viel – und schöpfte daraus unglaubliche Kraft gegen meine Höllenqualen», erklärt die gläubige Christin.

Auf dem Fernsehsender Bibel TV schaute sie oft Sendungen, in denen Menschen ihren Weg zurück in die Gesellschaft fanden. Das inspirierte sie. Der Groschen fiel dann, als sie in einer Sendung den Ausführungen des Malers Gary Jenkins lauschte. Er erklärte, dass ihn das Malen zur Ruhe kommen liess und beruhigte. Als er die Technik erläuterte, wie er seine schönen, farbkräftigen Blumen malte, packte es Lisel Bernegger. «Ich bestellte sein Buch und lernte so die Technik. Es ging mir von Bild zu Bild, das ich malte, leichter von der Hand.» Mit der Zeit wurde sie immer besser und freier in der Gestaltung. Aus den vergleichsweise einfachen Ölbildern von Blumen wurden bald Tiermotive – unter Einsatz von Öl- und Acrylfarben in Kombination noch kunstvoller dargestellt. Lisel Bernegger war in ihrem Element. Das Malen führte sie zurück in die Gesellschaft. Je mehr Bilder entstanden, desto mehr wurden sie nachgefragt. «Ich erhielt viele Komplimente. Das tat mir gut.» Sie sei zwar heute bei der Arbeit nicht mehr so schnell wie früher – die Krankheit habe hier schon ihre Spuren hinterlassen –, doch sie kann wieder eigenständig leben, was der fröhlichen Frau viel bedeutet.

Zum Ausstellen motiviert

Lisel Bernegger wurde immer wieder von ihrem Umfeld ermutigt, ihre Bilder auszustellen. «Ich machte das ja für mich – und nicht für andere. Deshalb war es für mich nicht selbstverständlich», erklärt Lisel Bernegger. Im Herbst 2014 wurde sie von der Politischen Gemeinde eingeladen, auszustellen. Ihre Premiere lief grandios und die Bilderverkäufe florieren ebenfalls. «Das ist eine grosse Anerkennung, die ich zwar nie gesucht hatte, jetzt aber umso mehr geniesse», erklärt die Künstlerin, deren Bilder seit 12. Februar und noch bis zum 13. März in der Papeterie Thöny im Vaduzer Gewerbeweg zu bewundern sind. Sie erhalte ausserdem auch viele Aufträge für neue Bilder.

Der Schwester im «Plattiser Stübli» den Dank zurückgeben

Künstlerisch verfolgt sie dabei keine konkreten Ziele. «Ich versuche, alles auf mich zukommen zu lassen. Es freut mich sehr, dass die Bilder gut ankommen. Schön finde ich, dass im Herbst in Balzers eine Ausstellung mit meinen Bildern stattfinden soll. Auf dieses Heimspiel freue ich mich besonders.»

Derweil kehrt Lisel bei ihrer Schwester Sonja, die gerade in Plattis das «Plattiser Stübli» neu übernommen hat, mit Gästen ein, denen sie die dort ausgestellten Bilder und Grusskarten zeigen kann. «Sie hat sich in meiner schweren Zeit unglaublich stark für mich eingesetzt und sehr geholfen – da ist es für mich selbstverständlich, dass ich ihr etwas zurückgebe.» Ihr Schicksal habe ihr gezeigt, dass es am Ende darum gehe, den Menschen im Umfeld eine Freude zu bereiten. «Beim ‹Plattiser Stübli› handelt es sich schliesslich um Sonjas Lebenstraum.»

Tabu brechen und Hoffnung geben

«Ich will Menschen, die dasselbe durchmachen, mit meiner Geschichte Mut geben und zeigen, dass sich das Durchhalten lohnt – dass man es mit Willenskraft aus dem Tief herausschafft – und dass daraus etwas Wunderbares entstehen kann», erklärt die 57-Jährige. «Das kann sich niemand vorstellen, der nicht selbst einmal betroffen war.» Besonders habe sie auch ein grosses Gottvertrauen und eine Bodenständigkeit aus diesem finsteren Tal geholt. «Ich kenne viele, die im Verborgenen Ähnliches durchleben. Ich hoffe für sie, dass sie das Ganze ähnlich gut meistern können wie ich und wünsche ihnen viel Kraft dabei.»

Wer Lisel Bernegger kennenlernen möchte, der kann sie bis 13. März noch persönlich in der Papeterie Thöny im Vaduzer Gewerbeweg 9, jeweils freitags 14–18 Uhr und samstags, 10–14 Uhr, antreffen.

Steckbrief

Name: Aloisia «Lisel» Bernegger-Gstöhl

Wohnort: Sax

Jahrgang: 1958

Beruf: Allrounderin

Hobbys: Malen, Garten, Natur

Leibspeise: Habe alles gern

Getränk: Orangentee, Baileys

TV-Vorliebe: Dokus über Natur- und Menschen-Themen

Musik: Operette, Volkstümliches

Lektüre: Christl. Bücher, «Landliebe»-Magazin

Stadt/Land? Land

Sommer/Winter? Frühling

Stärke: Willenskraft

Schwäche: Ungeduld

Motto: «Sei froh und dankbar dafür, dass du gesund sein darfst.»

Kontakt: berneggerhu@bluewin.ch

 

Quelle: Vaterland Liechtenstein

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